Hessen: Bald das erste Bundesland mit einem Schutz vor Gewichtsdiskriminierung?

In Hessen hat DIE LINKE einen Entwurf für ein Antidiskriminierungsgesetz vorgelegt (Drucksache 20/8077). Das Gesetz soll u.a. vor der Diskriminierung anhand des Erscheinungsbildes schützen. Laut Begründung ist hier Gewicht ausdrücklich mit gemeint. Rechtlich wäre das der erste Schutz vor Gewichtsdiskriminierung auf Landesebene, der für jedes Gewicht greift und Gewicht als Teil der menschlichen Vielfalt versteht.

Wir durften eine Stellungnahme zum Gesetzentwurf abgeben und haben das deutlich begrüßt (und intern die Limokorken knallen lassen). Trotzdem haben wir empfohlen, Gewicht auch im entsprechenden Paragrafen ausdrücklich zu benennen, da Gesetze über den Gerichtssaal hinaus wirksam sind.

Die in den Gesetzen aufgelisteten Gruppen werden oft 1:1 übernommen, wenn es beispielsweise um Diversity und Förderprogramme geht. Beim Begriff Erscheinungsbild wird dann nicht zwingend Gewicht mitgedacht. Das zeigt sich gut an den Illustrationen, die im Bereich Diversity verwendet werden. Wir finden unterschiedliche Hauttöne, Haarstrukturen und auch die Körpergröße variiert, doch der Körperumfang nicht – hohes Gewicht fehlt.

Dieses Argument und ein paar weitere für die Aufnahme von Gewicht in § 2 HADG haben wir heute im Hessischen Landtag vorgetragen. Wir hoffen, dass der Entwurf von der Landesregierung aufgegriffen wird!

Wissenschaftler*innen aus 15 Ländern weltweit fordern rechtlichen Schutz vor Gewichtsdiskriminierung

­­Vom 14.-15.7.2022 fand im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin die 8. Internationale Weight Stigma Conference statt. Veranstalterin war die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin und einem internationalen Netzwerk von Forschenden. Die Weight Stigma Conference ist eine jährlich stattfindende Fachkonferenz, die interdisziplinär Forschende, politisch Arbeitende und Aktivist*innen zusammenbringt mit dem Ziel, eine gesellschaftliche und politische Debatte zu Gewichtsstigma und -diskriminierung anzustoßen. Der Schwerpunkt „Recht und Politik“ der diesjährigen Tagung bildete den Rahmen für den fachlichen Austausch darüber, wie hochgewichtige Menschen rechtlich vor Diskriminierung geschützt werden können; aber auch darüber, was die Politik jenseits von Gesetzgebungsvorhaben tun kann, um für Gewichtsdiskriminierung als unterschätztes, aber weit verbreitetes Problem zu sensibilisieren sowie Strukturen zu schaffen, die Betroffene unterstützen.

Über 80 Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus 15 Ländern von Chile bis Katar diskutierten in 36 Vorträgen sowie interaktiven Workshops Themen wie Antidiskriminierungsrecht, Gewichtsdiskriminierung in Medizin, Gesundheitswesen und im Alltag und erörterten politische und aktivistische Gegenmaßnahmen.

Unter den Teilnehmenden, die aus ganz verschiedenen politischen, sozialen und kulturellen Kontexten in ihren Heimatländern kamen, herrschte Einigkeit: Gewichtsdiskriminierung und -stigma darf keine Privatsache bleiben, sondern muss auf die politische Agenda.

„Der Schutz vor Gewichtsdiskriminierung muss im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG und im Landesantidiskriminierungsgesetz Berlin verankert und ausdrücklich benannt werden“, so auch Dr. Doris Liebscher, Leiterin der Ombudsstelle für das Landesantidiskriminierungsgesetz Berlin und eine der drei Hauptvortragenden.

Gewichtsdiskriminierung ist systematische Benachteiligung, die große Auswirkungen auf die Lebenschancen und die wirtschaftliche, finanzielle, soziale und auch gesundheitliche Position der Betroffenen hat. Nach einer groß angelegten Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2017 ist Gewichtsdiskriminierung eine der häufigsten Diskriminierungsformen in Deutschland. Bislang gibt es keinerlei rechtlichen Schutz vor Gewichtsdiskriminierung, weder im Arbeitsleben, im Gesundheitswesen, im Waren- oder Dienstleistungssektor noch im Bildungswesen oder im Zusammenhang mit Polizei oder öffentlichen Einrichtungen.

Wie stehen die GRÜNEN zu einem #AGGmitGewicht?

Foto © Kristian Schuller

Heute ist Tag 1 der 8. Internationalen Weight Stigma Conference. Schwerpunkt ist dieses Mal Recht und Politik. Wir haben hierzu im Vorfeld der Konferenz mit Claudia Roth gesprochen.

Über die sechs im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genannten Diskriminierungskategorien hinaus geben die meisten von Diskriminierung Betroffenen an, dass sie anhand äußerlicher Merkmale Diskriminierung erfahren haben, 51 Prozent davon anhand ihres Körpergewichts. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung fordert daher die Aufnahme von „Gewicht“ in § 1 AGG. Werden sich die GRÜNEN hierfür stark machen?

Die Grüne Bundestagsfraktion hat sich für diese Legislaturperiode das Ziel gesetzt, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zu reformieren. In diesem Zusammenhang werden wir auch über die Aufnahme von weiteren Kriterien, zum Beispiel die Gewichtsdiskriminierung, diskutieren. Dabei ist es wichtig, dass wir in der Fraktion darüber sprechen und uns dazu Expertise einholen, wie Gewichtsdiskriminierung funktioniert und was ein gesetzliches Benachteiligungsverbot gegen diese Diskriminierungsform bewirken kann. Ein am Ende möglicherweise wirkungsloses Gesetz wird der berechtigten Forderung von Gewichtsdiskriminierten nach Schutz durch die Politik nicht gerecht.

Obwohl Gewichtsdiskriminierung stark verbreitet ist, fehlt vielfach noch ein Bewusstsein für diese Diskriminierungsform. Nationalen Aktionspläne und Maßnahmen zur Sensibilisierung sind gängige politische Instrumente, um den entgegenzuwirken. Gibt es bei den GRÜNEN bereits Gruppen oder Arbeitskreise, die auf dem Thema Gewichtsdiskriminierung dahingehend arbeiten oder bei denen Sie hier klar Anknüpfungspunkte sehen?

Bei uns in der Partei und in den Fraktionen sind es vor allem die Feminist*innen, die sich mit dem Thema Gewichtsdiskriminierung beschäftigen. Zum Beispiel die Landesarbeitsgemeinschaft Feminismus in Berlin ist da aktiv. Auch unsere Parteivorsitzende Ricarda Lang macht immer wieder auf Bodyshaming und darauf, wie gerade Frauen dadurch abgewertet werden, aufmerksam. Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, sich politisch äußern und Raum einnehmen, sind Rechten und Antifeminist*innen ein Dorn im Auge. Sie nutzen jede Gelegenheit, um diese Frauen einzuschüchtern.

Was die politische Auseinandersetzung mit Gewichtsdiskriminierung angeht, müssen auch wir Grüne noch mehr Expertise sammeln. Deshalb freue ich mich besonders über die vielen Aktivisten und Expert*innen, die bei der Weight Stigma Conference zusammenkommen. Wir brauchen diesen Input aus der Zivilgesellschaft.

Die Internationale Weight Stigma Conference ist die erste größere internationale Fachkonferenz, die zum Thema Gewichtsstigma und Gewichtsdiskriminierung in Deutschland stattfindet. Was möchte Sie uns und der Tagung mit auf den Weg geben?

Ich finde es großartig, dass dem Thema Gewichtsdiskriminierung mehr Öffentlichkeit gegeben wird. Wir Grünen stehen für einen breiten Vielfaltsbegriff, der die Menschen dort abholt, wo sie stehen. Überall dort, wo Menschen diskriminiert und ihnen Rechte vorenthalten werden, müssen wir dagegenhalten. Ich freue mich, dass Aktivist*innen gegen Gewichtsdiskriminierung sich zu einem internationalen Kongress zusammenschließen und wünsche allen Teilnehmer*innen einen wundervollen Kongress!

Foto © Kristian Schuller

Online-Einführung in das Thema Gewichtsdiskriminierung

Wir freuen uns sehr, dass wir vom Frauen- und Gleichstellungsbüro Marburg-Biedenkopf gebeten wurden, anlässlich des Internationalen Anti-Diät-Tages eine Einführung in das Thema Gewichtsdiskriminierung zu geben. Die Veranstaltung war ursprünglich in Präsenz geplant. Durch den Wechsel des Formats können Interessierte gern noch kurzfristig dazustoßen

Dick ist kein Defizit. Dick ist ein Recht
Online-Einführung in das Thema Gewichtsdiskriminierung
06.05. in der Zeit von 16:00 bis 18:30 Uhr
Anmeldung über frauenbuero@marburg-biedenkopf.de

8. Internationale Weight Stigma Conference

Save the Date am 14. und 15. Juli 2022 findet im Senatssaal der Humboldt-Universität Berlin die 8. Internationale Weight Stigma Conference statt. Die Weight Stigma Conference (WSC) ist eine englischsprachige interdisziplinäre Fachkonferenz, die jährlich an einem anderen Ort der Welt stattfindet und Forschende sowie politisch Aktive zusammenbringt. Ziel ist es u.a., ein Bewusstsein dafür zu schaffen, auf welche Lebens- und Gesellschaftsbereiche sich das Stigma Körpergewicht auswirkt, und einen Austausch unter auf diesem Gebiet Forschenden zu ermöglichen. Schwerpunkt der 2022 geplanten Konferenz ist „Law and Policy“ (Recht und Politik).

Aktuell läuft der Call for Abstracts für die diesjährige Konferenz. Vielleicht kennen Sie ja Menschen, die Interesse daran hätten, auf der Tagung einen Vortrag zu halten oder ein Seminar bzw. einen Workshop anzubieten. Vielleicht sind sogar selbst daran interessiert, Ihr Projekt vorzustellen oder einen Vortrag zu halten? Bitte unterstützen Sie die Konferenz und unsere Arbeit, indem Sie den Aufruf in Ihren Netzwerken verbreiten.

Die Weight Stigma Conference wird getragen von einer internationalen Gruppe von interdisziplinär Forschenden rund um die Initiatorin Dr. Angela Meadows von der Universität Essex (UK). Gastgeberin in Berlin sind die Humboldt-Universität zu Berlin und die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Die Konferenz steht allen Interessierten offen. Die Tagung findet auf Englisch statt, die Anmeldung für die Teilnahme eröffnet voraussichtlich im April/Mai. Wir werden versuchen den Teilnahmebeitrag mit Hilfe von Sponsoring möglichst gering zu halten.

Informationen zur disjährigen Konferenz finden Sie unter (deutsch):
www.wsc2022.de

Ausführliche Informationen zur Konferenz-Reihe finden Sie unter (englisch):
www.weightstigmaconference.com

Danke für Ihre Mithilfe bei der Weiterverbreitung des Call for Abstracts!

Bundestagswahl: Wer verbessert die Chancen dicker Menschen auf dem Arbeitsmarkt?

Vorurteile, denen sich dicke Menschen auf dem Arbeitsmarkt gegenübersehen. Unabhängig von ihrer tatsächlichen Qualifikation und Leistungsfähigkeit haben sie daher erheblich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und im Berufsleben als dünne Menschen. Sie verdienen sogar schlechter (Weight-Pay-Gap). Wir haben die Parteien im Vorfeld der Bundestagswahl gefragt, was sie dagegen tun werden.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Gewicht ist keine durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) geschützte Diskriminierungsdimension. Der Weg über eine der enthaltenen Diskriminierungskategorien wie Behinderung war mehrfach vor Gericht nicht erfolgreich, da hierfür verschiedene Bedingungen erfüllt sein müssen, die bei höherem Gewicht nicht zwangsweise gegeben sind. Die Klagen sind daher gescheitert. Trotzdem verweisen die Parteien vielfach auf dieses Gesetz. Nur eine Partei ist sich der Schutzlücke bewusst. Wir werden daher weiterhin dafür streiten, dass Gewicht in § 1 AGG aufgenommen wird, und auf den fehlenden Schutz vor Gewichtsdiskriminierung hinweisen.

Bundestagswahl: Was tun die Parteien für die Gesundheit dicker Menschen?

Es sind die letzten Tage vor der Bundestagswahl. Auch dies Mal haben wir den Parteien Fragen zum Thema Gewichtsdiskriminierung gestellt, darunter die Frage, wie sie eine diskriminierungsfreie gesundheitliche Versorgung dicker Menschen sicherstellen wollen.

Leider zeigen die Antworten einiger Parteien auf, wie wenig sie für das Thema sensibilisiert sind. Sie sprechen sich zwar gegen Diskriminierung aus, sehen den dicken Körper aber als Eigenverschulden und Zeichen mangelnder Ernährungsbildung. Dick und gesund sind für sie eine unvereinbare Kombination und die Herstellung des dünnen Körpers die gesundheitliche Maßnahme mit oberster Priorität. Aufklärung ist und bleibt ein wichtiger Baustein unserer Arbeit.

Ab in den Pool mit SUIT YOUR BODY

SUIT YOUR BODY – Teaser from Frauen und Fiktion

Wer das Hörspiel SUIT YOUR BODY verpasst hat, kann jetzt in die Theater-Installation abtauchen. Also Gummiente einpacken und auf zum TD Berlin (Berlin)! Bis zum 22.08. gibt es täglich drei Zeitkorridore, um die Installation zu durchschwimmen. Für das Stück hat Frauen und Fiktion im letzten Jahr unsere Vorsitzende, Natalie Rosenke, interviewt und Teile des Gesprächs in die Installation einfließen lassen. Nachfolgend finden Sie eine kurze Beschreibung dessen, was Sie erwartet von Frauen und Fiktion (FuF):

„In SUIT YOUR BODY hinterfragen Frauen und Fiktion (FuF) gesellschaftliche Schönheitsnormen. Auf Basis eines Interviews mit Natalie Rosenke, einer Expertin für das Thema Gewichtsdiskriminierung, kreieren sie einen Raum, in dem alle Körper erwünscht sind. Ein Frauen*chor leitet uns vorbei an Echokammern des Körperhasses in den Resonanzraum des eigenen Körpers. Die Stimmen bilden einen Gemeinschaftskörper, der atmet, spricht und sich geräuschvoll äußert. Der Fragen stellt, Antworten sucht und von ungewöhnlichen Perspektiven erzählt, die selbstverständlich sein könnten.

Ein befreiter Chorkörper, der miteinander klingt, aus vollem Halse singt und sich Worte wie “dick” zurückerobert. Ein unfassbar schöner Kollektivkörper, der am Ende mit seinem Publikum verschmelzen will. Hier wird der Wettstreit der Körper aufgehoben und ein neuer Blick geübt. Im interessierten und wohlwollenden Zuhören entdecken wir vieles, was wir oft schmerzlich vermissen und finden eine Schönheit, die uns von der Last des Mangels befreit. Mit einer Ode an die Vielfalt im Ohr schweben wir schließlich mit Leichtigkeit auseinander.

Antidiskriminierungspolitik zum Thema machen

Das ist das Ziel der digitalen Podiumsdiskussion am 18. August, bei der auch das Publikum den 5 Kandidat:innen für den Bundestag Fragen stellen kann. Wie wäre es mit einer Frage zum Thema Gewichtsdiskriminierung? Wir laden Euch herzlich ein dabei zu sein. Die Anmeldung findet Ihr hier.

Die Veranstaltung findet im Rahmen des Wahlkompass Antidiskriminierung statt und wurde durch den Antidiskriminierungsverbands Deutschland (advd) organisiert, der zusammen mit der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung Träger des Projekts ist.

Portrait Dr. Jens Brandenburg © Tobias Koch
Portrait Gökay Akbulut © Andi Weiland
Portrait Ye-One Rhie © Maximilian König
Portrait Paul Lehrieder © DBT / Inga Haar