Gewichtsdiskriminierung wird Thema im Herrenhäuser Gespräch

„Dick oder Dünn? Der Tanz ums goldene Körpergewicht“, so lautet das Thema des 51. Herrenhäuser Gesprächs. Die renommierte Veranstaltungsreihe von VolkswagenStiftung und NDR Kultur hat insgesamt vier Expert*innen aufs Podium gebeten, darunter die Gründerin der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung, Stephanie von Liebenstein. Die Veranstaltung im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen (Hannover) steht Interessierten offen, der Eintritt ist frei.
Podiumsrunde:
Prof. Dr. Eva Barlösius
Institut für Soziologie, Leibniz Universität Hannover
Prof. Dr. Jutta Mata, Lehrstuhl für Gesundheitspsychologie
Universität Mannheim
Stephanie Frfr. von Liebenstein
Gründerin der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung
PD Dr. Thomas Ellrott
Institut für Ernährungspsychologie, Georg-August Universität Göttingen
Dieses Herrenhäuser Gespräch wird am 23.09.2018 um 20.00 Uhr im NDR Sonntagsstudio ausgestrahlt.

Gewichtsdiskriminierung: ein Fall für den Verbraucherschutz

Für das Verbrauchermagazin SUPER.MARKT sucht der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) dicke Menschen, die Fälle schildern, in denen sie als Verbraucher*in stark benachteiligt oder sogar diskriminiert wurden. Den Impuls für das Sendungsthema gab laut Redaktion „der Fall einer Zuschauerin, die ein Sofa reklamieren wollte, was ihrer Meinung nach schlecht gepolstert war und erhebliche Stabilitätsmängel hatte. Sie bekam zu hören, dass es sich um eine Überbelastung aufgrund ihres Gewichts handelt.“

Der Sender möchte darüber hinaus positive Beispiele in den Fokus rücken und hofft auf Tipps, wo in Berlin und Umgebung Geschäfte zu finden sind, die sich gezielt an den Wünschen und Bedürfnissen dicker Menschen orientieren. Die GGG stellt hier gern den Kontakt her und leitet entsprechende Empfehlungen weiter.

Dicke Menschen: die letzte Gruppe, über die ungestraft Witze gemacht werden dürfen?

Diese Frage beschäftigt die Neue Osnabrücker Zeitung, die den Blick auf die 643 Fälle von erlebter Gewichtsdiskriminierung richtet, die sich im Abschlussbericht der Studie „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ finden. Die Studie wurde von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) beauftragt und vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) durchgeführt. Sie basiert auf einer telefonisch erfolgten Repräsentativbefragung mit 1007 Teilnehmer*innen und einer Online-Befragung mit 18.162 Teilnehmer*innen.
Viele Verbände haben seinerzeit ihre Mitglieder dazu aufgefordert an der Online-Befragung teilzunehmen, so auch die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung im Rahmen der Kampagne „Deine Stimme hat Gewicht“. Im Fragebogen mussten die Teilnehmer*innen ihre Diskriminierungserfahrung einer Kategorie zuordnen. Als Vorgaben standen die im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) aufgeführten Merkmale und die soziale Lage zur Verfügung, weshalb wir in unserer Kampagne gezielt auf den Punkt „Sonstiges, und zwar“ hingewiesen haben. Da die Studie nicht auf die Nennung von Diskriminierungserfahrungen anhand von Gewicht ausgelegt war, ist es äußerst bemerkenswert, dass 634 Fälle zusammengekommen sind.

„Iss mal weniger.“ ist einfach anmaßend

Die FAZ hat unser Beiratsmitglied, Prof. Dr. Lotte Rose, interviewt. Als Erziehungswissenschaftlerin richtet sich ihr Blick vor allem darauf, wie unsere Gesellschaft mit dicken Menschen umgeht und welche Auswirkungen das hat. Ihr Forschungsziel deckt sich dabei mit dem der Fat Studies in den USA: „Erkenntnisse [zu] produzieren, die helfen, die Diskriminierung einer gesellschaftlichen Gruppe perspektivisch zu beheben.“ Dieser Ansatz ist im deutschen Forschungsfeld deutlich unterrepräsentiert. Um so wichtiger ist es, die Aktiven zu vernetzen und ihnen eine Stimme zu geben. Der von ihr zusammen mit Dr. Friedrich Schorb herausgegebene und in diesem Jahr erschienene Sammelband „Fat Studies in Deutschland“ war in diesem Zusammenhang ein Meilenstein, an dem auch die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung mitwirken durfte.

Der dicke Mensch als Feindbild

„Ich glaube, jede gute Beziehung braucht einen gemeinsamen Feind“, so ein Vater im Elternmagazin Nido #4/2017, der sich durch das gelegentliche Lästern mit seiner kleinen Tochter in besonderer Weise verbunden fühlt. Der Feind in diesem Fall: der dicke Mensch. Als typische Situation beschreibt er, wie die beiden in einer Apotheke gemeinschaftlich über eine dicke Frau herziehen, die zufällig gemeinsam mit ihnen wartet.
 

Keine Solidarität für dicke Menschen

505593_original_R_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de„Dicke müssen endlich zahlen“, so die Forderung von Christoph Zürcher von der Neuen Zürcher Zeitung, der damit einen Aufpreis meint – schließlich würde das im Falle von übergewichtigem Gepäck genauso gehandhabt. Seine Sorge gilt den durch dicke Fluggäste reduzierten Gewinnen. Für die Flugbranche kündigt er daher das Solidaritätsprinzip auf und kommt zu dem Schluss: „Fliegen ist kein Menschenrecht.“
Diese Aussage stimmt erstmal in sich, denn in Art. 2 bis 18 der Europäischen Menschenrechtskonvention findet sich kein Recht auf Mobilität oder Teilhabe. Aus Art. 3 ließe sich allerdings durchaus ableiten, dass man Menschen generell nicht wie Gepäckstücke behandeln sollte, denn „Niemand darf […] erniedrigender […] Behandlung unterworfen werden.“ Darüber hinaus ist die Achtung der Menschenwürde in Art. 7 der Bundesverfassung der Schweiz verankert, sie scheint allerdings in vergleichbar geringem Maße Anwendung im Falle von dicken Menschen zu finden wie Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes.
Zum Artikel der NZZ
Dicke müssen endlich zahlen

Fett – und das ist gut so. Wie dicke Menschen gegen Vorurteile kämpfen

Unter diesem Motto stand die Sendung der Reihe „Kulturtermin“ des rbb vom 12.11.2016, die zeigte, dass dieser Widerstand längst nicht mehr auf Basis der Rolle der*des Betroffenen erfolgt sondern aus gesellschaftspolitischer Überzeugung. Da die Betrachtung des dicken Körpers häufig mit einer Diskussion über Gesundheit einhergeht, freuen wir uns sehr, dass neben unserer Vorsitzenden, Natalie Rosenke, auch unser Beiratsmitglied Dr. med Gunter Frank zu Wort gekommen ist, der die Panikmache rund um das Thema Gewicht pointiert in Frage zu stellen verstand.
Mit dem Effekt dieser um sich greifenden Angst vor Körperfett ist Prof. Dr. Eva Barlösius, eine weitere Interviewpartnerin der Sendung, gut vertraut, hat sie doch erst kürzlich in ihrer Publikation „Dicksein: Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt“ einen Blick darauf geworfen, in welcher Form Kinder und Jugendliche hiervon bereits betroffen sind. Die Sendung ist noch bis zum 13.11.2017 auf der Website des rbb verfügbar.

Drei von vier US-Amerikaner_innen unterstützen gesetzliche Maßnahmen gegen Gewichtsdiskriminierung

Befragten in den USA wurden in einer Studie drei fiktive Gesetzesvorhaben vorgelegt, die dicke Menschen vor Diskriminierung schützen sollen. Über 70 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass dicke Menschen denselben juristischen Schutz und dieselben Leistungen erhalten sollten wie Behinderte. Mehr als Dreiviertel der Befragten forderten die Einbeziehung von Gewichtsdiskriminierung in die Bürgerrechte (civil right laws). Und fast 80 Prozent sprachen sich für Maßnahmen gegen die Diskriminierung dicker Menschen am Arbeitsmarkt aus. Der Anteil der Befragten, die sich für Antidiskriminierungsmaßnahmen aussprachen, stiegt zwischen 2012 und 2015 um mehr als sieben Prozent. „Drei von vier US-Amerikaner_innen unterstützen gesetzliche Maßnahmen gegen Gewichtsdiskriminierung“ weiterlesen