"Viele Pfunde, viele Sorgen" – Spektrum der Wissenschaft

Kathrin Burger berichtet im Spektrum der Wissenschaft über aktuelle Forschung aus Deutschland zu Gewichtsdiskriminierung und wie dieser begegnet werden kann. Erfreulicherweise wird dabei nicht nur auf individualpsychologische Copingstrategien verwiesen, sondern auch auf die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung. Ganz im Sinne unseres Mottos – Wir verändern die Gesellschaft, nicht dicke Menschen.

Gesundheitspolitik auf mexikanisch

Knapp zwei Jahrzehnte nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO offiziell ein hohes Körpergewicht zur Epidemie erklärt hat, gilt nicht länger die USA als Hotspot der neuen „Gesundheitskatastrophe“, sondern ihr südlicher Nachbar. Mittlerweile reagiert die mexikanische Regierung auf das Phänomen mit einer Reihe von Maßnahmen, die international Aufsehen erregen. Dazu zählen unter anderem: Eine Steuer auf Softdrinks und hochkalorische Nahrungsmittel und in der Hauptstadt Mexiko-City Fitness-Automaten an Busstationen. Wer es schafft, an diesen Geräten zehn Kniebeugen zu machen, bekommt einen Schrittzähler geschenkt – finanziert wird dieser von einem Getränkehersteller, dessen Produkte als maßgeblich verantwortlich für die Gewichtszunahme angesehen werden. Ursprünglich war geplant, die Automaten in U-Bahnstationen zu integrieren. Als Preis für herausragenden Körperfleiß war ein Freiticket vorgesehen. Doch in der Metro ließen sich die Geräte aus logistischen Gründen bislang nicht aufstellen.
Die Reaktion der mexikanischen Regierung auf das steigende Körpergewicht der Bevölkerung ist beispielhaft für eine konsequente Quantifizierung und Individualisierung von Gesundheit wie sie sich in allen Staaten, die das Körpergewicht der Bevölkerung zum Problem erklärt haben, so oder so ähnlich wiederfinden. Zum einen setzt sie Gesundheit und Körpergewicht in eins: Die gesundheitlichen Probleme weiter Bevölkerungsteile werden auf ihr Körpergewicht zurückgeführt, die Lösung der gesundheitlichen Probleme liegt allein in einer Reduktion des Körpergewichts. Zum anderen individualisiert sie die Verantwortung für das Erreichen eines niedrigen Körpergewichts. „Gesundheitspolitik auf mexikanisch“ weiterlesen

Wer dick bleibt, muss zahlen – Klassenkampf von oben im Namen des Schlankheitswahns

Im Bundesstaat Mississippi sollte ein Gesetz erlassen werden, das Versicherten der staatlichen Krankenkasse medicare –  also Rentnerinnen und Rentner, die sich keine private Versicherung leisten können sowie Menschen mit attestierter Arbeitsunfähigkeit –  verpflichten sollte, Abnehmprogramme zu absolvieren und dabei Gewicht zu verlieren. Andernfalls drohten erhöhte Zuzahlungen für Behandlungen und Medikamente. Die Proteste gegen den Gesetzentwurf waren erfolgreich. Das Vorhaben wurde gestoppt.

In Puerto Rico sollen derweil Eltern verpflichtet werden, ihre Kinder zur Gewichtsabnahme zu nötigen. Andernfalls drohen Strafen zwischen 500 und 800 Dollar. Auf einer Insel, auf der 56 Prozent der Kinder in Armut aufwachsen, ist das viel Geld. Schlimmer noch: Die Eltern der dicken Kinder, denen es nicht gelingt abzunehmen werden in dem Gesetzentwurf als „child abuser“, also als Kindesmisshandler bezeichnet.

In Großbritannien hat Premier David Cameron die Forderung aufgestellt, den ca. 100.000 Menschen, die Sozialleistungen aufgrund attestierter Arbeitsunfähigkeit erhalten und adipös, alkoholkrank oder drogenabhängig sind, die Bezüge zu kürzen, wenn sie sich nicht dem für sie vorgesehenen Therapieplan folgen können. Wörtlich sagt er: „Manche haben Drogen- oder Alkoholprobleme, lehnen eine Behandlung aber ab. In anderen Fällen haben die Leute Gewichtsprobleme, die man angehen könnte, aber stattdessen fällt die Wahl auf ein Leben von Sozialhilfe anstelle von Arbeit. In seiner Rede machte Cameron damit zum einen deutlich, dass er dicke Menschen prinzipiell für essgestört hält, da er die Behandlung eines hohen Gewichts mit der von Suchtkrankheiten gleichsetzte. Zum anderen betonte Cameron, dass er die hart arbeitenden Engländerinnnen und Engländer nicht länger für die disziplinlosen Taugenichtse zahlen lassen möchte. Das hatte er so ähnlich schon in seiner Auftaktrede für den Wahlkampf 2008 angekündigt. Darin hieß es wörtlich: »Wir reden hier von Leuten, die von Adipositas bedroht sind, nicht von Leuten, die zu viel essen und sich zu wenig bewegen. Wir reden hier über Leute, die von Armut oder sozialem Ausschluss betroffen sind, als seien Dinge wie Übergewicht, Alkoholmissbrauch und Drogensucht äußerliche Phänomene wie das Wetter oder die Pest.«

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Was sich nicht alles Satire nennen darf

Satire darf alles und alles darf sich Satire nennen. Gute Satire allerdings zeichnet sich dadurch aus, dass sie irritiert. Damit geht einher, dass sie gängige Klischees nicht einfach reproduziert, sondern in Frage stellt. Häufig wird unterstellt, die Political Correctness verbiete Satire über Minderheiten. Richtig ist, Witze, die lediglich auf aggressive Weise Ressentiments über zum Beispiel Schwule oder Schwarze verbreiten, sind verpönt: Und nicht nur eine alternative Zeitung wie die taz würde sie nicht abdrucken. Wer aber weiterhin als Satire verbrämte Ressentiments verbreiten will, dem bleibt mit den Dicken immer noch eine Gruppe, die von den Debatten um Diversity und Political Correctness ausgenommen wird. Da kann man dann auch in einer alternativen Zeitung wie der taz lesen, dass Dicke so attraktiv wie Schweißfüße sind und sich keinesfalls als schön empfinden oder gar Schutz vor Diskriminierung fordern dürfen. Das alles natürlich nicht etwa deshalb, weil man seine ästhetischen Vorlieben aggressiv verbreiten will (wenn man schon nicht mehr seine sexuellen oder hautfarblichen Vorlieben aggressiv verbreiten darf), sondern – und jetzt wird’s richtig eklig – aus Sorge um die Gesundheit der armen dicken Menschen.

Maggie De Block oder: Wie dick darf eine Gesundheitsministerin sein?

Maggie De Block ist Ärztin und hat jahrelang als Hausärztin praktiziert. Später stieg sie in die Politik ein. Dort gilt sie als beliebt. Sie war als Innenministerin erfolgreich und wurde zwischenzeitlich sogar als kommende Premierministerin gehandelt. Schlussendlich wurde sie Gesundheitsministerin. Gerade auf Grund ihrer praktischen Erfahrung als Ärztin erschien die Wahl naheliegend. Doch jetzt wird vermehrt Kritik laut. Als Gesundheitsministerin sei sie zu dick und damit ein schlechtes Vorbild. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Gerade eine dicke Ärztin kann als Gesundheitsministerin nicht nur durch Fachkenntnis glänzen, sondern auch als Vorbild für viele dicke Menschen dienen, die ihre Gesundheit nicht durch fragwürdige Abnehmversuche riskieren wollen.

Hohes Körpergewicht führt zu Gehaltsverlust – allerdings nur bei Frauen

Eine Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit hat herausgefunden, dass Frauen mit höherem Körpergewicht in Deutschland weniger verdienen als Frauen mit niedrigem Körpergewicht und gleicher Qualifikation. Selbst Frauen mit Normalgewicht würden schlechter bezahlt als Frauen mit noch niedrigerem Körpergewicht. „Hohes Körpergewicht führt zu Gehaltsverlust – allerdings nur bei Frauen“ weiterlesen

Armes Deutschland

Satiriker haben es nicht leicht. Von ihnen werden Kreativität, Sprachwitz und originelle Gedanken verlangt. Was aber, wenn man als Satiriker sein Geld verdienen muss und weder über Kreativität, Witz oder Sprache noch über originelle Gedanken, geschweige denn irgendwelche Gedanken verfügt. Ja, was dann? Dann kann man es immer noch mit Derbheiten und Beleidigungen a la »fette Sau«, »Breitarschgazelle« und »tsunamigeballter Wabbelbolzen ohne Hals« versuchen, so wie Andreas Koristka kürzlich im Neuen Deutschland. „Armes Deutschland“ weiterlesen

Abgelehnt wegen Kleidergröße 42

Eine Frau bewirbt sich für die Geschäftsführung des „Borreliose und FSME Bund Deutschland“. Das Gespräch läuft gut. An der fachlichen Kompetenz der Bewerberin scheint niemand zu zweifeln. Doch dann wird ihr per e-mail mitgeteilt, dass sie „im jetzigen Zustand so natürlich kein vorzeigbares Beispiel“ sei. Der Grund: ihr „enormes Übergewicht“, das einer „figurmäßigen Entgleisung“ gleichkäme und daher den „Ernährungs- und Sportempfehlungen“ des Vereins zuwider laufe. Ein angebotenes „Gespräch über ihr Gewicht“ lehnt die Bewerberin dankend ab. Stattdessen klagt sie vor Gericht auf Grundlage des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes AGG  (umgangsprachlich auch als Antidiskriminierungsgesetz bekannt) auf Entschädigung. Den ersten Prozess am Arbeitsgericht Darmstadt hat sie jetzt verloren. Doch sie hat angekündigt, in Berufung zu gehen.
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