Diskriminierung im Deckmantel der Fürsorge

Ein gesunder dicker Körper ist zu einer Art Unvorstellbarkeit für unsere Gesellschaft geworden. Ein glücklicher dicker Mensch steht schnell unter Verdacht, dass er sich selbst nur etwas vormacht. Dieses feindselige Klima bringt Heilsbringer hervor, die mit äußerster Vorsicht zu genießen sind – und damit meinen wir ausnahmsweise nicht die Diätindustrie, die selbst dafür Sorge trägt, dass jeder Kunde ein wiederkehrender Kunde ist.
Es geht um eine Gruppe, die man in Anlehnung an das Internet-Phänomen des s.g. Trolls vielleicht am treffensten als “Fürsorgetrolle” beschreiben könnte. Ein Fürsorgetroll würde argumentieren, dass man natürlich keinen Menschen mobben sollte, dicke Menschen zu ihrem eigenen Wohl aber mobben muss, um sie zur Abnahme zu motivieren.
Barry Deutsch hat diese Gruppe in seinem Comic „The Fat Whisperer“ (dt. der Fett-Flüsterer) hervorragend portraitiert, wie wir finden.

Die Zuckersteuer versüßt mal wieder das Sommerloch

Obwohl die Unterteilung von Lebensmitteln in gut und böse ein Nährboden für Essstörungen ist, uns den Genuss verleidet und sich nicht als Konzept für eine nachhaltige Gewichtsreduktion bewährt hat, fordern verschiedene Organisationen immer wieder dieses schwarz-weiß Denken sogar gesetzlich zu verankern. So wird in Großbritannien das Sommerloch erneut mit der Diskussion um eine  Zuckersteuer gestopft, die von der British Medical Association (BMA) gefordert wird. Die gesetzliche Abgabe soll für zuckerhaltige Getränke auf 20% angehoben werden. „Die Zuckersteuer versüßt mal wieder das Sommerloch“ weiterlesen

Der Erfolg von Diäten ist biologisch unmöglich

Wir können es Diät oder beschönigend Ernährungsumstellung nennen, was bis auf den Zusatz „Umstellung“ nichts anderes als eine Übersetzung von δίαιτα (díaita) ist, das Konzept ist heute meist das gleiche: Wir sollen etwas entweder gänzlich weglassen oder bewusst reduzieren.
Plötzlich fehlt etwas. Unser Körper hat für vergleichbare Zustände über die Jahrtausende hinweg Mechanismen entwickelt, gegen die wir nun antreten müssen. Wie einst Sisyphos rollen wir den Stein Tag für Tag neu den Berg hoch und wenn wir schließlich nach Wochen erschöpft zusammenbrechen, erklärt man uns, das wäre alles nur eine Frage der Willenskraft.
Traci Mann hat mit Ihrem Team des Eating Labs der Universität von Minnesota 20 Jahre lang unser Essverhalten erforscht und die Ergebnisse unter dem Titel „Secrets from the Eating Lab“ veröffentlicht. Ihr Fazit: Eine dauerhaft erfolgreiche Diät ist biologisch unmöglich.
Interview in der Washington Post
Why diets don’t actually work, according to a researcher who has studied them for decades

Germany’s Next Topmodel – ein Wegbereiter für Essstörungen?

Das westliche Schönheitsideal hat die Realität zu guten Teilen verlassen: Die uns präsentierte Makellosigkeit ist für niemanden erreichbar. Das bestätigen auch Models wie Cindy Crawford: „Im wirklichen Leben, ohne Make-up und gute Beleuchtung, sehe nicht einmal ich aus wie Cindy Crawford.“ oder Meaghan Kausman, die im vergangenen Jahr offen legte, wie stark ihre Bilder für die Kollektion von Fella Swim bearbeitet wurden.
Mit dem Sendungsformat Germany’s Next Topmodel hat diese Scheinwelt den Sprung vom Werbeplakat ins Unterhaltungsfernsehen geschafft – mit fatalen Folgen. Eine Studie, die vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in Kooperation mit dem Bundesfachverband Essstörungen (BFE) e.V. durchgeführt wurde, konnte belegen, dass Germany’s Next Topmodel im Bereich von Magersucht und Bulimie ein besonders hoher Stellenwert als möglicher Auslöser und Verstärker zukommt. „Germany’s Next Topmodel – ein Wegbereiter für Essstörungen?“ weiterlesen

Ein Sport-BH für alle Fälle? Eher nicht.

Es gibt Fragen, die dicken Menschen nie gestellt werden. „Welchen Sport treiben Sie am liebsten?“ ist so eine. Immer wieder wird davon ausgegangen, dass Menschen mit hohem Gewicht generell keinen Sport machen. Diesem Vorurteil ist schwer beizukommen, da die meisten Anbieter aus dem Sport- und Fitnessbereich ausschließlich mit dünnen Models werben und teilweise mit Slogans wie „Ran an den Winterspeck!“ sogar eine Art dickes Feindbild aufbauen.
Entsprechend klein ist die Auswahl an echter Funktionskleidung selbst bei auf große Größen spezialisierten Anbietern. Immer noch dominieren hier einfache Baumwolle und Elasthan, obwohl feuchtigkeitsabführende Fasern, bekannt unter Markennamen wie Coolmax®, höchst wünschenswert wären. Dazu kommen oft vollkommen ungeeignete Schnitte vor allem im Bereich der Sport-BHs: Einschneidende Träger ohne Entlastungseffekt, kegelförmige Körbchen und schmale Seitenteile, die Falten zaubern, wo eigentlich keine waren, sind hier mehr die Regel als die Ausnahme. „Ein Sport-BH für alle Fälle? Eher nicht.“ weiterlesen

Gruselmärchen von der Weltgesundheitsorganisation zum Anti-Diät-Tag

Der Anti-Diät-Tag wurde 1992 von der britischen Aktivistin Mary Evans Young ins Leben gerufen. Young litt an Anorexie. Nach ihrer Genesung gründete sie die Aktionsgruppe „Diet Breaker“ und setzte sich gegen Diäten und für Gewichts- und Körpervielfalt ein. Heute ist der Anti-Diät-Tag weltweit Anlass auf die negativen psychischen und physischen Folgen von Gewichtsdiskriminierung hinzuweisen und für mehr Toleranz zu werben. Am 24. Geburtstag des Anti-Diät-Tags dem 6. Mai 2015 beginnt auch der 22. Europäische Adipositas-Kongress in Prag. Zu diesem Anlass hat die Europäische Sektion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Pressmitteilung verfasst, in der sie behauptet, die Europäer würden immer dicker, bald gäbe es fast keine „Normalgewichtigen“ mehr und auch der Anteil der „krankhaft Fettleibigen“ werde weiter steigen. Schuld daran hätten Fastfood und zu wenig Bewegung. „Gruselmärchen von der Weltgesundheitsorganisation zum Anti-Diät-Tag“ weiterlesen

Gesetzesentwurf S.B.402: Ist ein hohes Gewicht eine chronische Krankheit?

In Nevada (USA) liegt aktuell ein Gesetzesentwurf vor, der fordert, ein hohes Körpergewicht (BMI über 30) zukünftig als chronische Krankheit zu behandeln und entsprechend zu bekämpfen. Ein hohes Körpergewicht wird hier allein als Körperform unabhängig von der objektiven körperlichen Leistungsfähigkeit / den Laborwerten und dem individuellen Wohlbefinden der Person auf eine Stufe mit chronischen Krankheiten wie Krebs gestellt. Zur Veranschaulichung: Eine Person von 1,60m Größe würde mit einem Gewicht von 78kg (BMI 30,4) bereits als chronisch krank gelten.
Die Bekämpfung soll unter anderem mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen erfolgen. Da diese Kampagnen in der Regel die Stigmatisierung eines hohen Körpergewichts und vorhandene Vorurteile verstärken, ist allerdings eher von einem gegenteiligen Effekt auszugehen. Beispiele für solche missglückten Kampagnen lassen sich auch in Deutschland finden:
„fit statt fett“
Die Kampagne von Ulla Schmidt (SPD) und Horst Seehofer (CSU) sollte 2007 dicke Kinder und Jugendliche für einen gesünderen Lebensstil begeistern – und diskriminierte sie, denn Fitness und eine hohes Gewicht schließen einander nicht aus.
Darüber hinaus soll jährlich ein Report erstellt werden, welche Kosten dem Staat durch hohes Körpergewicht entstehen. Die Diskriminierung aufgrund hohen Gewichts ist bereits Teil unseres Alltags, die Verfolgung könnte Teil unserer Zukunft werden.
Bitte unterstützen Sie die Petition der NAAFA. „Gesetzesentwurf S.B.402: Ist ein hohes Gewicht eine chronische Krankheit?“ weiterlesen

Fitness vs Fatness? – der falsche Gegensatz

Als die französische Tennisspielerin Marion Bartoli 2013 in Wimbledon den Titel holte, stand sie leider weniger wegen ihrer sportlichen Leistung im Fokus: Statt zu honorieren, dass sie z. B. zu den wenigen Spielerinnen gehört, die das Turnier ohne Satzverlust gewinnen konnten, wurde ihr Aussehen durch die Medien und anonym im Internet kommentiert.
Die US-Tennisikone John McEnroe soll in seinem Live-Kommentar gesagt haben, dass Bartoli „nicht so aussieht, wie man sich eine Athletin vorstellt“. Körperdiskriminierende und frauenfeindliche Beschimpfungen wie „This Bartoli chick is a fat slob“ bis zu „Fucking fat ugly fuck“ wurden bei Twitter gepostet. Hier zeigte sich deutlich das gängige Vorurteil, dass Sportler und Sportlerinnen immer dünn sind – was auch immer „dünn“ konkret bedeuten mag. Es ist Konsens: Ein dicker Körper und Sportlichkeit schließen sich aus. Gleichzeitig wird nur ein dünner Körper als schön betrachtet.
dieStandard.at: „Zu hässlich für Wimbledon?“
The Guardian: „John Inverdale apologises for ‚ham-fisted‘ Marion Bartoli comment“
Doch Marion Bartoli wusste dieser Gewichtsdiskriminierung etwas entgegenzusetzen: „Habe ich davon geträumt einen Modelvertrag zu bekommen? Nein, tut mir Leid. Habe ich davon geträumt Wimbledon zu gewinnen? Ja, absolut!“
Erfreulicherweise ist in den letzten Jahren die Zahl der öffentlich präsenten dicken Menschen und Aktionen, die dieses Fitness-Vorurteil widerlegen, deutlich angestiegen. Sie zeigen, dass Sportlichkeit und Freude an Bewegung nicht im Widerspruch zu einem dicken Körper stehen. „Fitness vs Fatness? – der falsche Gegensatz“ weiterlesen

Gesundheitspolitik auf mexikanisch

Knapp zwei Jahrzehnte nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO offiziell ein hohes Körpergewicht zur Epidemie erklärt hat, gilt nicht länger die USA als Hotspot der neuen „Gesundheitskatastrophe“, sondern ihr südlicher Nachbar. Mittlerweile reagiert die mexikanische Regierung auf das Phänomen mit einer Reihe von Maßnahmen, die international Aufsehen erregen. Dazu zählen unter anderem: Eine Steuer auf Softdrinks und hochkalorische Nahrungsmittel und in der Hauptstadt Mexiko-City Fitness-Automaten an Busstationen. Wer es schafft, an diesen Geräten zehn Kniebeugen zu machen, bekommt einen Schrittzähler geschenkt – finanziert wird dieser von einem Getränkehersteller, dessen Produkte als maßgeblich verantwortlich für die Gewichtszunahme angesehen werden. Ursprünglich war geplant, die Automaten in U-Bahnstationen zu integrieren. Als Preis für herausragenden Körperfleiß war ein Freiticket vorgesehen. Doch in der Metro ließen sich die Geräte aus logistischen Gründen bislang nicht aufstellen.
Die Reaktion der mexikanischen Regierung auf das steigende Körpergewicht der Bevölkerung ist beispielhaft für eine konsequente Quantifizierung und Individualisierung von Gesundheit wie sie sich in allen Staaten, die das Körpergewicht der Bevölkerung zum Problem erklärt haben, so oder so ähnlich wiederfinden. Zum einen setzt sie Gesundheit und Körpergewicht in eins: Die gesundheitlichen Probleme weiter Bevölkerungsteile werden auf ihr Körpergewicht zurückgeführt, die Lösung der gesundheitlichen Probleme liegt allein in einer Reduktion des Körpergewichts. Zum anderen individualisiert sie die Verantwortung für das Erreichen eines niedrigen Körpergewichts. „Gesundheitspolitik auf mexikanisch“ weiterlesen

Feiertage sind zum Feiern da

„Durch das Wohnzimmer zu tanzen nach ein paar Gläsern Wein zählt als Bewegung.“
Glenys O Rebel, zugelassene Ernährungsberaterin, Los Angeles
Von dieser entspannten Haltung können sich hierzulande viele Ernährungsberater eine Scheibe abschneiden, die immer noch die gegrillte Pute als Ersatz für die Gänsekeule anpreisen, wie zum Beispiel gerade wieder in der BILD Zeitung:
21.12. BILD (online)
„Frohes Fett: So wird Ihr Weihnachtsmenü figurfreundlich“
Das Wort „Fett“ ist übrigens kein Tippfehler von uns.